Es
sind nicht nur die großen Denkmale, die den Betrachter begeistern,
sondern vielfach die kleinen Kunstschätze und Kostbarkeiten, die zum
Denken anregen.Von diesen haben auch wir einige in unserer Stadt
sowie in unseren Ortsteilen zu bieten. Im Marktbrunnen, der übrigens
seit 1911 steht, hat unter seinem Dach das Hirtenmädchen Barbara
Unterkunft gefunden und das schon seit 1956.
Sie ist von der Bildhauerin Dorothea von Philipsborn geschaffen
worden. Das in Bronze gegossenen Mädchen, schaut mit einem etwas
verträumten Blick auf das Wasser, das aus den beiden Fischen in das
Brunnenbecken rinnt.
Die symmetrische Darstellung der beiden Fische in ihren Händen
gleicht fast einer Waage. Ihrer Haltung ist zu entnehmen, dass die Barbara nach vorn schreitend zum Ausdruck bringt, als wollte sie der
Stadt vorangehen. Immer ist davon gesprochen worden, dass das
Hirtenmädchen im Dreißigjährigen Krieg im alten slawischen Fischerdorf
Pestkranke gepflegt hätte. Eine in sich abgeschlossene Sage um das
Hirtenmädchen ist bisher nicht bekannt, daher soll
eine bereits erschienene Sage nochmals vorgestellt werden, die sich auf
das Mädchen Barbara Stirblinger, der Tochter des Stadthirten, bezieht.
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| Im alten slawischen Fischerdorf Stadtwinkel an der Schwarzen Elster
lebte am Dorfrande das Hirtenmädchen Barbara mit ihren Eltern in
bescheidenen, fast ärmlichen Verhältnissen. Der Dreißigjährige Krieg
hatte auch viel Leid gebracht und täglich verfielen immer wieder
Bewohner der um sich greifenden Pestilenz.
Die
leer stehenden mit Stroh gedeckten Hütten verkündeten, dass der
schwarze Tod die Hausbewohner geholt hatte. Das Hirtenmädchen fürchtete
sich und war verzweifelt über das grausame Geschehen im kleinen Dorf.
Eines Abends verließ sie, im hellen Schein des aufgehenden Mondes, ihre
Hütte und ging in Richtung Elster.
Dabei schritt sie auf den Erlenbusch zu, um dort eine kurze Zeit zu
verweilen. Sie kniete nieder und rief den Wendengott Lupa an, dass er
das Leid der Menschen an der Schwarzen Elster doch beenden möge. Sie
glaube an die Kraft der Gunst der Götter ihres Volkes, weil ihre
Großmutter viel von diesen Göttern erzählt hat. Sie erhob sich, verbeugte
sich nochmals vor den grünen Zweigen des Erlenbusches und vernahm von der
Elster ein rauschen, das bis zum Busch anschwoll und plötzlich trat eine
große Stille ein.
Eine fast flüsternde Stimme schien sie zu vernehmen, die da zu ihr sprach:
„Barbara, lege deine Schuhe ab, gehe erhobenen Hauptes den Pfad zur
Elster, den ich dir zeigen werde. Dann schreite gerade aus zu einer Furt
des Flusses bis an das gegenüberliegende Ufer. So ich dich führe, musst
du gehen, weiche nicht vom Wege ab. Dann kehre um und schreite bis zur
Mitte des Flusses zurück. Breite deine Hände nach beiden
Seiten aus und tauche sie ins Wasser, so tief du kannst. Du wirst je
einen Fisch in den Händen halten.
Nun trete ans Ufer und töte sie
mit einem Stein, den du dort wirst finden. Eile schnell nach Hause und
brate beide Fische, dann geh zurück zur Elster, schöpfe mit einem Krug
vom Elsterwasser. Auf dem Heimweg musst Du den Erlenbusch betreten. Knie
nieder und halte beide Hände über diesen Krug.
Das so geweihte Wasser wird nun Heilkraft besitzen. Erst nach
Sonnenaufgang gehe zu den von der Pest befallenen Kranken und reiche
ihnen Speise von den Fischen sowie Wasser aus dem geweihten Krug. Das wiederhole
Nacht für Nacht und Tag für Tag.“ Barbara tat, was ihr gesagt war.
Niemals sprach sie davon. Bereits nach wenigen Tagen standen die ersten
Bewohner wieder auf und erholten sich in kurzer Zeit. Alle ahnten, das
etwas geschehen war in den vergangenen Tagen, wovon jedoch keiner zu
sprechen wagte.
Der Gott der Wenden hatte Barbara die Kraft gegeben, die Pest zu
vertreiben.
Bis zur Stadt war das Wunder bekannt geworden. Der
evangelische Pfarrer Gilbert machte sich auf, um das wundersame
Geheimnis zu enträtseln. Beim Betreten des kleinen Dorfes konnte er
jedoch keine außergewöhnlichen Dinge feststellen und aus dem Gespräch mit dem
Hirtenmädchen ging hervor, dass sie es mit Heilkräutern versucht habe, das
Leid zu lindern und in einigen Fällen einen Heilungsprozess erzielen
konnte. Nichts sei daran wahr, was da von einem geheimnisvollen Gott
erzählt werde. Sie bewahrte alle Ereignisse in ihrem Herzen, aber sie
glaubte an diesem sagenumwobenen Erlenbusch als den heiligen Hein der Wenden
aus längst vergangenen Zeiten. Sie glaubte an diesen überlieferten
Bräuchen ihrer Vorfahren und an den Wendengott Lupa ...
Auch fortan blieb sie dem Glauben treu bis an ihr Lebensende. Das kleine
Denkmal auf dem Marktplatz sagt dem Beschauer, da sei ein Hirtenmädchen
hier gewesen, das vor den Toren dieser Stadt gelebt hat. Nichts wird
gesagt, welche Vorfahren sie gehabt und welchem Glauben sie hat
angehangen. Nie hat sie die Gunst der Götter preisgegeben. Walter
Hartwig (1997 verstorben) |